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Interview

Wie wird man Synchronsprecher? – Die faszinierende Leidenschaft des Sprechens. Ein Interview mit Gerrit Kock

Die faszinierende Leidenschaft des Sprechens. Ein Interview mit Gerrit Kock
©Gerrit Kock
   Lesedauer: 14 Minuten

Gerrit Kock, ein 35 Jahre junger und ambitionierter Sprecher aus einem kleinen Dorf vor den Toren Hamburgs. Bereits nach seinem Schulabschluss mit 19 Jahren begann er eine Ausbildung zum Fluggerätemechaniker. Handwerklich tätig zu sein interessierte ihn, auch wenn er bereits andere Träume hatte. In den darauffolgenden Jahren arbeitete er als Mechaniker im Flugzeugbau. Doch auch nachfolgend wollte er seine Karriere weiter nach oben treiben und absolvierte den Industriemeister. Bis zuletzt war Gerrit im Qualitätsmanagement tätig.

Doch noch als Schüler war Gerrit bewusst, dass er eigentlich einen komplett anderen Weg einschlagen wollte. Kurz vor seinem Schulabschluss stellte er sich bereits die Frage, wie es nach diesem weitergehen könnte. Er spielte mit dem Gedanken auf eine Schauspielschule zu gehen, doch die Entfernung bis nach Köln schreckte ihn ab. Schauspielschulen sind oft in privater Hand und man muss diese aus eigener Tasche finanzieren, machte Gerrit sich bewusst. Des Weiteren fehlte es Gerrit an finanziellen Mitteln, weshalb er sich neu orientieren musste. Ebenso beteuerte er, dass wenn man die Schauspielschule erfolgreich besucht es kein Garant ist, auch einen Job zu bekommen.

Aber ich hatte weiterhin immer Lust zu schauspielern. Musikbegeistert war und bin ich noch heute. So kam ich zum Gesang und nahm auch professionellen Gesangsunterricht, was mir heute auf jeden Fall zugutekommt. Die damalige Band löste sich dann irgendwann auf und ich war auf der Suche nach etwas Neuem. Filme faszinierten mich schon immer und das Thema Synchronsprechen ebenfalls.“ – (Gerrit Kock, im Oderso Magazin Interview)

Aufgrund seiner Töchter kam es im Weiteren dazu, dass er Abend für Abend ein Buch vorlas. Doch dies brachte Gerrit auf eine entscheidende Idee und legte damit einen neuen Meilenstein in seiner beruflichen Laufbahn, wie er uns im Interview mitteilte:

„Nach dem tausenden Mal ein und dasselbe Buch, wie es bei Kindern so ist, fand ich es langweilig, nur ‚stumpf‘ vorzulesen und fing an, mit Spannung zu lesen und den Charakteren Leben einzuhauchen. Früher hieß es schon ein paarmal beim Singen, ich hätte eine tolle und angenehme Stimme. So informierte ich mich im Internet, was es so mit dem »Sprechen« auf sich hat und da sah ich ein Interview auf Youtube, wo eine Sprecherin von der Hör-Talk-Community sprach.“ – (Gerrit Kock, im Oderso Magazin Interview)

Gerrits Interesse wurde geweckt und er registrierte sich bei „Hör-Talk.“ Ein Youtube-Kanal, der sogenannte „No Budget“ Hörspiele veröffentlicht. Dank seiner musikalischen Laufbahn besaß Gerrit das nötige Equipment, um mitzumachen. Bereits nach zwei Monaten erhielt Gerrit eine Anfrage aus der Community, ob er ein Teil von einem Hörbuch einsprechen möchte. Von nun an waren neue Weichen gestellt.

Im Laufe der Zeit hat er sich dank unzähliger Tutorials im Internet ausgeholfen und lernte viel über Tontechnik. Er brachte sich die nötigen Kenntnisse im Eigenstudium bei und dies erlaubte ihn von jetzt an komplette Hörbücher in Eigenregie zu produzieren.

Wann hattest Du Deinen ersten großen Auftrag, wie bist Du zu diesem gekommen?

„Den ersten größeren Auftrag bekam ich dann von einem Verlag, wo es gleich zwei Bücher waren. Allerdings wurden die Bücher aufgeteilt, wo kapitelweise auch eine Sprecherin gesprochen hatte. Ich habe mich, und das auch etwas zu früh im Nachhinein, bei verschiedenen Verlagen „beworben“. Angeschrieben mit Demos, ob sie nicht einen Sprecher suchen. Von den größeren Verlagen bekam ich Absagen bzw. gar keine Antwort. Aber ein paar Kleinere und Mittlere sagten dann zu, wobei auch einige geschrieben haben, meine Stimme wäre toll, aber ich solle noch etwas hier und da an mir arbeiten und mich dann noch mal neu melden. Natürlich war ich total happy, dass ich dort einen offiziellen Auftrag hatte.“

Die faszinierende Leidenschaft des Sprechens. Ein Interview mit Gerrit Kock
©Gerrit Kock

Welche Projekte betreust Du grade und sind namhafte Unternehmen unter Deinen Kunden?

„Momentan spreche ich viele Hörbücher. Es kommen gerade immer mehr Aufträge zustande. Leider kann oder darf ich jetzt nicht über alles reden. Aber seid gespannt, es kommt dieses und Anfang nächsten Jahres noch richtig coole Hörbücher von mir. Ich habe auch noch einen Podcast mit den Autoren Marcel Riepegerste, „writeNspeak“ heißt der. Und wir hatten schon viele, wirklich tolle und namhafte Gäste. Hört gerne rein, gibt es überall, wo es Podcasts gibt.“

Wie viele Projekte hast Du bislang veröffentlicht, oder an wie vielen Projekten warst Du bislang beteiligt?

„Hörbücher habe ich jetzt 19 oder 20 gemacht, wobei jetzt gerade noch vier in der Veröffentlichungsphase stecken. […] viele weitere Auftragsbücher sind bereits geplant. So kommen bis April schon acht Thriller heraus und natürlich auch noch andere Genres. Ein Kinderbuch habe ich auch noch demnächst, das finde ich auch total super und meine Kinder werden es hoffentlich selber auch gut finden.“

Welches Projekt, das Du gemacht hast, hat Dir am besten gefallen?

„Da kann ich jetzt irgendwie kein Einzelnes herauspicken. Mir gefallen schon alle Projekte auf ihre Weise. Sachbücher gehen mir natürlich nicht so ans Herz, es sei denn zum Beispiel das Buch

„Trauma“, was ich gelesen habe. Das ist dann schon ein Thema, wo es sehr emotional wird. Aber jedes Buch ist so einzigartig und alle sind so verschieden. Jedes Buch hat andere Charaktere und ist seine eigene Welt. Auch die Genres sind ja total verschieden. Mal darf es ein Thriller sein, dann ein Fantasy, ein Krimi, ein lustigeres Buch. Mal ist es ein kürzeres Buch und dann wieder ein längeres. Da jedes Projekt für sich steht, kann ich da keines nennen, was jetzt am besten war.“

Welches Projekt, das Du gemacht hast, hat Dir Deine Nerven geraubt?

„Geraubt hat mir ein Buch besonders die Nerven, weil es so schlecht übersetzt war. Der Auftrag kam aus England. In etwa so: »Hier ist das Buch und bitte bis dann fertigmachen«. So war in etwa die Kommunikation. Leider wurde wohl beim Übersetzen gespart, sodass ich wirklich zwischendurch am Verzweifeln war. “

„Mal wurde der Patient im Buch gesiezt und dann wieder geduzt etc. Eine gute Kommunikation mit der Firma stellte sich leider als schwierig dar. Das Buch sollte dann nur auf eine Plattform geladen werden und fertig. Ich dachte, na gut, Auftrag angenommen, also durchziehen. Doch mein Name steht ja auch dann mit auf dem Hörbuch und ich wollte mir ja mein Business aufbauen. Wenn das Buch aber dann schlechte Bewertungen bekommt, färbt das ggf. auch auf mich ab. Letztendlich war ich dann Sprecher für das Buch, aber auch teilweise Korrektorat. Seitdem schaue ich mir die Bücher erst mal genauer an und auch, ob die ein professionelles Lektorat bekommen haben.“

Würdest Du Dich wieder für diesen Job entscheiden? Wenn ja, warum? Wenn nein, wieso?

„Auf jeden Fall. Wie ich oben schon sagte, liebe ich Vielfalt. Einen Geheimagenten zu sprechen oder einen Drachen etc. Dass ein Buch, mit meiner Stimme, andere bei der langweiligen Autofahrt begleitet, beim Staubsaugen die Laune versüßt, am Strand, in der Bahn, beim Joggen oder zum Einschlafen, wann und wie auch immer die Leute Hörbücher hören. Das empfinde ich einfach als ein Geschenk.“

Wie sieht Dein Alltag aus?

„Meistens stehe ich um 06:00 Uhr auf. Dann wird Salbeitee mit Honig gemacht, dabei wird meistens der Geschirrspüler ausgeräumt. Im Bad gurgele ich mit Salzwasser und mache eine Nasendusche. Jeden Morgen. Danach gibts ein paar Atemübungen und Sprechübungen. Je nachdem wird dann aufgenommen, geschnitten oder vorbereitet.“

„Jedes Hörbuch muss auch vorbereitet werden. Schriftgröße anpassen, Seitenumbruch beachten, damit man nicht mitten im Satz umblättern muss (auch, wenn es auf dem Tablet ist). Dann wird das Buch komplett markiert. Jeder Charakter bekommt seine Farbe. Wann spricht diese Person, wie spricht sie, was spricht sie zu wem etc. Fremdwörter und Eigennamen müssen vorher angeschaut werden. Zwischendurch oder abends werden dann noch Mails geschrieben, Rechnungen geschrieben oder bezahlt. Und die Familie ist natürlich auch noch immer präsent.“

Hast Du ein Vorbild oder einen anderen Sprecher, den Du magst? Wenn ja, wer und welches Projekt gefällt Dir von diesem Sprecher am meisten?

„Mein Lieblingssprecher ist David Nathan. Ich liebe auch Christian Bale, den er synchronisiert. Um ein bestimmtes Hörbuch zu nennen, nenne ich jetzt einfach mal die Krimireihe von Stephan Ludwig „Zorn“. Da habe ich schon viele gehört und finde die einfach klasse. Krimi, Thriller, spannend und auch immer was zum Lachen dabei.“

Vielleicht ist bei dem ein oder anderen das Interesse gewachsen und nun stellt man sich die Frage, wie man auch in diese Karriere Fuß fassen kann. Auch zu diesem Thema hat Gerrit eine Antwort parat.

Hast Du Tipps für Interessierte, wie man am besten in das Berufsbild einsteigen kann, welche Hürden gibt es dabei?

„Geduld, es ausprobieren und es dann auch wirklich zu wollen. Als Erstes muss man verstehen, dass das Sprechen ein Handwerk ist, was man erlernen muss und das kann man sich auch nicht komplett selbst beibringen. Ich hatte wie erwähnt schon Gesangsunterricht und habe dann auch explizit Sprechunterricht genommen.“

„Hochdeutsch zu sprechen ist in der Branche das A und O und das muss man einfach trainieren, genau wie die richtige Atemtechnik, damit man nicht heiser wird und genug Power in der Stimme hat. Ebenfalls sind die verschiedenen Schauspieltechniken zu erlernen. Wie bringe ich Emotionen rüber etc. jeden, der sich dafür interessiert, würde ich raten, sich erst einmal auszuprobieren.“

„Kauft ein billiges Mikrofon, macht eine Ecke im Zimmer fertig, die wenig Hall hat und spielt und lest Texte ein. Holt Euch von Freunden, die ehrlich sind, Feedback aber wichtiger ist, sich von außenstehenden Profis Feedback zu holen. Man kann viele Trainer anschreiben, eine Demo hinschicken, die Euch dann für etwas Geld ein konstruktives Feedback geben. Wenn man merkt, es macht einem Spaß, dann immer weiter gehen: Besseres Mikro kaufen, Coach suchen, üben und üben. Es dauert alles seine Zeit. Eine handwerkliche Lehre geht auch drei Jahre, wo man jeden Tag lernt.“

Wie kommen Interessierte zu ihren ersten Aufträgen?

„Das wichtigste sind gute Demos. Ich bin der Meinung, man sollte die Technik und Möglichkeit zu Hause aufzunehmen, unbedingt haben. Durch Corona wurde das Ganze sogar noch deutlich mehr verstärkt.“

„Man muss nicht technisch der Oberprofi sein. Gutes Mikro, Audio-Interface, ein einfaches Audio- Aufnahmeprogramm reicht und am wichtigsten ist ein guter Aufnahmeraum. Ein komplett „toter“ Raum, wie man so schön sagt, ohne Hall. Die Demos müssen klingen wie eine professionelle Produktion.“

„Wenn man nicht das Wissen hat, wie man diese Aufnahmen bearbeitet, gibt es auch genügend Studios, die man kontaktieren kann. Diese könne dann die Aufnahmen optimieren. Man kann die Aufnahmen auch komplett in einem professionellen Studio machen, aber wie ich schon sagte, sollte man das reine Aufnahmeequipment auch zu Hause haben.“

„Viele kleinere Verlage haben selbst kein eigenes Studio und Self-Publisher Autoren ja erst recht nicht. Sich in ein Studio, wenn man eines in der näheren Stadt hat, einzumieten, kostet dann wieder viel Geld. Außerdem können kleinere Verlage die Reisekosten zu sich oder in ein Studio gar nicht bezahlen. In Großstädten könnte es unter anderem die Möglichkeit geben, sich mit mehreren SprecherInnen zusammenzutun und sich ein Aufnahmeraum zu teilen. So spart man sich dann Miete, wenn man zu Hause keinen Platz für ein eigenes Homestudio hat.“

Gerrit ist stets am Ball geblieben und bestrebt, seine Zukunft in die Bahn zu lenken, wovon er als Schüler geträumt hat. Auch wenn es nicht auf Anhieb klappte und er einige Steine auf dem Weg in die Zukunft beseitigen musste.

Auch wenn Gerrits berufliche Laufbahn über Umwege erfolgte, ist dies dennoch ein guter Beweis dafür, dass man seine Hobbys zum Beruf machen kann.

1 Comment

1 Comment

  1. Jens Berg

    7. September 2022 at 11:14

    Ich hatte immer gedacht das man dafür ein Studium brauch? Also Studium nur Zeitverschwendung und Quatsch.?

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